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Arena auf der „grünen Wiese“: die WM-Spielstätte

Schwimm-Weltmeisterschaften sind stets auch eine Nabelschau für die Wettkampfstätten der Sportart. Bei den 18. Welttitelkämpfen seit 1973 wird die spektakulärste Anlage der Großveranstaltung diesmal beim Wasserball geboten: Die südkoreanische Millionenstadt Gwangju präsentiert eine komplett temporär errichtete Wasserballarena buchstäblich „auf der grünen Wiese“, die einem reinen Fußballstadion bzw. (größenmäßig passender) einem Centre Courts beim Tennis gleichkommt, und setzt bei dem nicht gänzlich neuen Konzept Maßstäbe.

Die älteste olympische Mannschaftssportwart wird bei dieser WM im Fußball-Stadion (!) der Nambu-Universität ausgetragen. Bei den Partien wird ein Freiwasserbecken mit den perfekten Wasserballmaßen von 35 x 25 Metern und eine alle vier Seiten umlaufenden Tribüne mit gut 5.000 Zuschauerplätzen verwendet. Für die 30- bis 45-minütige Aufwärmphase vor dem Spiel steht direkt neben der Wettkampfstätte zudem ein 50 x 21 Meter großes Becken zur Verfügung. Zur Spielvorbereitung wären diese Ausmaße unter normalen Umständen überdimensioniert, allerdings kommt im Anschluss an die Weltmeisterschaften ebenfalls in Gwangju noch die in Sachen Bädern nicht minder anspruchsvolle Masters-WM zur Austragung, bei der die Wasserballpartien aus Zeitgründen auf mehreren Spielfeldern parallel stattfinden müssen.

Temporäre Wettkampf- und Aufwärmbecken kommen bei den großen Schwimmsport-Weltmeisterschaften seit 2001 zur Anwendung, und dieses seit der damaligen Premiere im japanischen Fukuoka sogar regelmäßig. Für das 17-tägige WM-Spektakel des Jahres 2019 und die nachfolgende Masters-WM hat der FINA-Partner Myrtha Pools diesmal fünf rein für den temporären Gebrauch bestimmte Becken errichtet, darunter zwei der nicht minder wichtigen Vorbereitungs- und Aufwärmbecken. „Sämtliche temporären Anlagen werden nach der WM wieder abgebaut“, unterstreicht Baustellen-Managerin Kim Seo Yeon die Radikalität des in Gwangju praktizierten Veranstaltungskonzepts.

Als einzige Anlage wird mit dem großen Schwimmsportzentrum der Nambu-Universität die Hauptwettkampfstätte bleiben, in dem die Wettbewerbe im Beckenschwimmen und Wasserspringen zur Austragung kommen. Allerdings werden selbst dort nach den Titelkämpfen die Tribünenplätze teilweise zurückgebaut werden. Temporär ist neben der Wasserballarena ebenso die in einer Sport- und Veranstaltungshalle errichtete Anlage für die Wettbewerbe im Synchronschwimmen, und auch für das zumeist als „High Diving“ bekannte Klippenspringen sind erstmals Sprungturm und Becken temporär errichtet worden – das runde Becken lässt beinahe Jahrmarktsambiente aufkommen.

Die Idee der komplett auf der „grünen Wiese“ errichteten Arenen ist nicht neu: Bereits bei den Weltmeisterschaften in 2005 in Montreal (Kanada) wurden für die Wettbewerbe im Wasserball und Synchronschwimmen ebenfalls komplett temporäre Wettkampfanlagen genutzt. Die Wasserballarena von Gwangju setzt dem Konzept jetzt allerdings die Krone auf: Waren in der frankokanadischen Millionenmetropole die Metallgerüste noch unübersehbar gewesen, ist die Anlage in Gwangju optisch bis in das kleinste Detail durchgestylt und ohne Kompromisse auf alle erdenklichen Anforderungen ausgerichtet. So wurden im Tribünenbereich diesmal selbst die Ecken mit Zuschauerplätzen gefüllt, so dass die eingelassenen Gäste hier komplett um die Anlage laufen können. Sollten bei der Vielzahl von Partien (jeweils 44 pro Turnier) die Plätze leer bleiben, ist der auf Haupttribüne sogar ein „Gwangju 2019“-Schriftzug sichtbar. Abrundet wird die Anlage durch eine partielle Überdachung der Zuschauerplätze sowie Flutlicht für die Abendspiele.

Im Innenraum bietet der Beckenrand auf allen vier Seiten jeweils mehrere Meter Platz, so dass auch hier ein Provisorium kaum mehr sichtbar erscheint. Mit der temporären Anlage im Fußballstadion mussten die Organisatoren allerdings keine Kompromisse in Sachen Platz eingehen. Dieses war beim „Final Eight“ der Champions League keine sechs Wochen zuvor in Hannover, der spektakulärsten Wasserball-Veranstaltung in Deutschland seit gut drei Jahrzehnten, als dem Gegenstück zu Gwangju gänzlich anders gewesen Beim Treffern der weltbesten Vereinsmannschaften hatte der begrenzte Platz im Stadionbad mit dem dort bereits vorhandenen 50-Meter-Becken quasi bis auf den Millimeter genau genutzt und geplant werden müssen, und selbst ein Sprungturm musste umschifft werden. In Niedersachsens größter Schwimmsportarena erlebten die Zuschauer dann allerdings nicht nur eine Tennis-, sondern sogar eine „Boxring-Atmosphäre“, wie es Hannovers Macher Karsten Seehafer treffend ausdrückte.

Das Konzept ist radikal, doch bei Veranstaltungen mit Budgets in der Größenordnung von 100 Millionen Euro sind die Vorteile nur schwer wegzudiskutieren: Zwar sind die Kosten für temporäre Anlagen auch nicht billig, jedoch bestens planbar, und sie rechnen sich für die lokalen Organisatoren vor allem langfristig. Es fallen keine Unterhaltskosten für die Nachnutzung eines überdimensionierten oder nachfolgend vielleicht sogar gar nicht mehr gebrauchten Bauwerks an. Die von Spezialfirmen errichteten Anlagen werden jeweils kurzfristig aufgebaut und sind damit so gut wie ohne finanziellen Risiken. Der Ausrichter vor Ort ist zudem nicht auf die heimische Bauwirtschaft und die damit verbundenen Risiken bis hin zu Arbeiterstreiks angewiesen. Aus Sicht des organisierten Schwimmsports ist es allerdings nur bedingt ein Königsweg: „Die Bäderprobleme in Deutschlands lassen sich damit nicht beheben“, wie Wasserballfunktionär Jens Witte deutlich macht.

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